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Ortsübliche Vergleichsmiete richtig ermitteln: Mietspiegel, Vergleichswohnungen, Gutachten

Moe Afonso · 2026-10-13

Die Vergleichsmiete in vier Zahlen
6 Jahre
Betrachtungszeitraum
nur Mieten aus diesem Zeitraum zählen
3
Vergleichswohnungen
genügen als Begründung
50.000
Einwohner
ab hier ist ein Mietspiegel Pflicht
+102 €
im Beispiel pro Monat
68 m², Einordnung im Mietspiegel

Sie wollen die Miete anpassen oder prüfen eine Wohnung, die Sie kaufen möchten. In beiden Fällen stellt sich dieselbe Frage. Welche Miete ist für diese Wohnung eigentlich üblich? Das Gesetz nennt sie ortsübliche Vergleichsmiete, und sie ist die Obergrenze für fast jede Mieterhöhung im laufenden Mietverhältnis.

Die meisten Vermieter schauen in den Mietspiegel, finden eine Spanne und nehmen den Mittelwert. Das ist oft zu wenig. Wer die Wohnung sauber einordnet, mit Zu- und Abschlägen, landet schnell 30 oder 40 Cent pro Quadratmeter höher oder tiefer.

Wir zeigen, wie die Vergleichsmiete entsteht, was ein qualifizierter Mietspiegel ändert und wie Sie Ihre Wohnung Schritt für Schritt einordnen. Wie Kappungsgrenze und Fristen funktionieren, steht ausführlich im Ratgeber Mieterhöhung: Kappungsgrenze und Fristen.

01Was die ortsübliche Vergleichsmiete ist

§ 558 Abs. 2 BGB definiert sie in einem Satz. Gemeint sind die üblichen Entgelte, die in der Gemeinde oder einer vergleichbaren Gemeinde für Wohnraum vergleichbarer Art, Größe, Ausstattung, Beschaffenheit und Lage in den letzten sechs Jahren vereinbart oder geändert worden sind. Die energetische Ausstattung gehört ausdrücklich zur Beschaffenheit.

Drei Punkte in diesem Satz werden oft übersehen.

PunktWas er bedeutet
Sechs JahreEs zählen nur Mieten, die in diesem Zeitraum neu vereinbart oder erhöht wurden. Mieten, die seit zehn Jahren unverändert laufen, fließen nicht ein. Bis Ende 2019 waren es vier Jahre.
Neu und BestandSowohl Neuvertragsmieten als auch erhöhte Bestandsmieten zählen. Deshalb liegt die Vergleichsmiete meist unter dem, was Inserate für Neuvermietungen zeigen.
Ohne PreisbindungMieten für öffentlich geförderte Wohnungen mit gesetzlich festgelegter Miete bleiben außen vor.

Die Vergleichsmiete ist also keine Marktmiete aus Immobilienportalen. Sie ist ein Durchschnitt aus vielen Mietverhältnissen der letzten Jahre und läuft dem Neuvermietungsmarkt in der Regel hinterher. Eine Kurzdefinition finden Sie im Glossar unter ortsübliche Vergleichsmiete.

02Einfacher und qualifizierter Mietspiegel

Mietspiegel sind Übersichten über die Vergleichsmiete in einer Gemeinde. Seit der Mietspiegelreform müssen Gemeinden mit mehr als 50.000 Einwohnern einen Mietspiegel erstellen (§ 558c Abs. 4 BGB). Es gibt zwei Arten, und der Unterschied hat Folgen für Ihr Schreiben.

Einfacher und qualifizierter Mietspiegel
Einfacher Mietspiegel § 558cQualifizierter Mietspiegel § 558d
Erstellungvon der Gemeinde oder gemeinsam von Vermieter- und Mieterverbänden erstellt oder anerkanntnach anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen erstellt und anerkannt
Aktualisierungsoll alle zwei Jahre angepasst werdennach zwei Jahren an den Markt anpassen, nach vier Jahren neu erstellen
Wirkung vor Gerichtein Indiz unter mehrerengesetzliche Vermutung, dass die Werte die Vergleichsmiete wiedergeben
Pflicht im Erhöhungsverlangennein, wenn Sie anders begründenAngaben für die Wohnung immer mitteilen, auch bei anderer Begründung

Die Vermutung des qualifizierten Mietspiegels ist der entscheidende Punkt (§ 558d Abs. 3 BGB). Wer im Streit eine höhere Miete als den Mietspiegelwert durchsetzen will, muss die Vermutung widerlegen, meist mit einem teuren Gutachten. In Städten mit qualifiziertem Mietspiegel führt deshalb praktisch kein Weg an ihm vorbei.

Die zweite Folge steckt in § 558a Abs. 3 BGB. Selbst wenn Sie Ihre Erhöhung mit drei Vergleichswohnungen begründen, müssen Sie die Angaben des qualifizierten Mietspiegels im Schreiben nennen. Der Mieter soll sehen können, ob Ihre Forderung darüber liegt. Fehlen diese Angaben, ist das Verlangen angreifbar.

03Die Wohnung im Mietspiegel einordnen

Fast alle Mietspiegel funktionieren nach demselben Prinzip. Eine Tabelle liefert einen Grundwert mit Spanne, eine Orientierungshilfe verschiebt den Wert nach oben oder unten.

Ihre Wohnung in fünf Schritten einordnen
  1. 01
    Daten sammeln

    Wohnfläche nach Wohnflächenverordnung, Baujahr bzw. Bezugsfertigkeit, Adresse für die Wohnlage, Ausstattung von Bad, Küche, Böden, Heizung, Energieausweis.

  2. 02
    Wohnlage bestimmen

    Viele Städte haben ein Straßenverzeichnis oder eine Karte, aus der einfache, mittlere oder gute Lage hervorgeht.

  3. 03
    Tabellenfeld finden

    Baujahresklasse und Größenklasse kreuzen. Das Feld nennt Mittelwert und Spanne in €/m².

  4. 04
    Zu- und Abschläge anwenden

    Die Orientierungshilfe listet Merkmale, die den Wert innerhalb der Spanne verschieben, etwa modernes Bad, Einbauküche, Balkon, hoher Energieverbrauch, fehlender Aufzug.

  5. 05
    Ergebnis prüfen

    Der eingeordnete Wert muss innerhalb der Spanne liegen. Dieses Feld und diese Spanne nennen Sie im Schreiben.

Bei einer Spanne genügt es formell, dass Ihre verlangte Miete innerhalb der Spanne liegt (§ 558a Abs. 4 BGB). Das heißt aber nicht, dass der Oberwert durchsetzbar ist. Im Streit ordnet das Gericht die Wohnung selbst ein, meist anhand der Orientierungshilfe. Wer ohne Begründung den Oberwert verlangt, riskiert eine Teilniederlage und die Kosten dafür.

Maßgeblich ist der Zustand der Wohnung, den Sie als Vermieter gestellt haben. Eine Einbauküche, die der Mieter selbst eingebaut hat, ist kein Zuschlag. Und es zählt die tatsächliche Wohnfläche, nicht die aus dem Mietvertrag.

04Ohne Mietspiegel: Vergleichswohnungen, Gutachten, Datenbank

Gibt es keinen Mietspiegel oder passt Ihre Wohnung in kein Feld, etwa ein Penthouse oder ein sehr kleines Apartment, bleiben drei andere Wege (§ 558a Abs. 2 BGB).

MittelAnforderungenKosten und Aufwand
Drei Vergleichswohnungengenaue Bezeichnung mit Adresse, Geschoss und Lage, Wohnfläche und Miete je m²; vergleichbar nach Art, Größe, Ausstattung und Lage; auch Wohnungen aus Ihrem eigenen Bestandgering, wenn Sie die Daten haben
Sachverständigengutachtenbegründetes Gutachten eines öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen; muss die Wohnung nachvollziehbar einordnenmeist einige hundert Euro, nicht auf den Mieter umlegbar
MietdatenbankAuskunft aus einer laufend geführten Sammlung, die Schlüsse auf einzelne Wohnungen zulässt (§ 558e BGB)nur wo es eine gibt, in der Praxis selten

Vergleichswohnungen sind der Weg der Wahl für Vermieter mit mehreren Wohnungen im selben Haus. Der Mieter muss sie anhand Ihrer Angaben finden können. Sinnvoll ist es, nicht mehr zu verlangen als die niedrigste der drei Vergleichsmieten. Liegt Ihre Forderung darüber, ist sie nach verbreiteter Ansicht nur bis zu diesem Wert begründet.

05Beispielrechnung: Einordnung, Spanne und Kappungsgrenze

Nehmen wir Jens. Er vermietet eine Wohnung mit 68 m², Baujahr 1978, mittlere Wohnlage. Sein Mieter zahlt seit mehr als drei Jahren unverändert 612 € kalt, also 9,00 € pro m². Die Stadt hat einen qualifizierten Mietspiegel. Name und Mietspiegel sind ausgedacht, die Zahlen sind ein Rechenbeispiel und keine Prognose.

Das passende Feld im Mietspiegel nennt einen Mittelwert von 10,10 € pro m² und eine Spanne von 8,90 bis 11,30 €. Die Orientierungshilfe gibt Zu- und Abschläge.

Jens ordnet seine Wohnung ein
€/m²für 68 m²
Mittelwert des Feldes10,10 €686,80 €
Zuschlag modernisiertes Bad+0,35 €
Zuschlag Einbauküche des Vermieters+0,30 €
Abschlag Energieverbrauch über Grenzwert−0,25 €
Eingeordnete Vergleichsmiete10,50 €714,00 €
Untere Grenze der Spanne8,90 €605,20 €
Obere Grenze der Spanne11,30 €768,40 €
Ausgedachter Mietspiegel. Eigene Berechnung nach § 558 BGB, Stand 13.10.2026.

Mit der Einordnung liegt Jens 27,20 € im Monat über dem Mittelwert. Hätte er nur den Mittelwert angesetzt, hätte er diesen Betrag verschenkt. Hätte er den Oberwert verlangt, hätte er 54,40 € mehr gefordert, als seine Wohnung nach der Orientierungshilfe hergibt.

Jetzt kommt die zweite Grenze ins Spiel. Die Miete darf in drei Jahren um höchstens 20 % steigen, in Gemeinden mit Landesverordnung um höchstens 15 %.

Was Jens tatsächlich verlangen darf
Gemeinde mit 20 %Gemeinde mit 15 %
Bisherige Miete612,00 €612,00 €
Grenze 1: eingeordnete Vergleichsmiete714,00 €714,00 €
Grenze 2: Kappungsgrenze734,40 €703,80 €
Neue Miete höchstens714,00 €703,80 €
Mehr pro Monat+102,00 €+91,80 €
Ausgangsmiete vor drei Jahren 612 €. Eigene Berechnung nach § 558 BGB, Stand 13.10.2026.
Jens' Wohnung zwischen den Grenzen (Miete pro Monat)
Bisherige Miete
612,00 €
Mittelwert des Feldes
686,80 €
Eingeordnete Vergleichsmiete
714,00 €
Obergrenze der Spanne
768,40 €
Ausgedachter Mietspiegel, Rechenbeispiel. Stand 13.10.2026.

In der 20-%-Gemeinde bremst die Vergleichsmiete, in der 15-%-Gemeinde die Kappungsgrenze. Welche Gemeinden die 15 % haben, zeigt die Tabelle im Ratgeber Mieterhöhung. Dort finden Sie auch den Ablauf mit Fristen.

06Wofür die Vergleichsmiete sonst zählt

Die Vergleichsmiete begrenzt auch die Miete bei einer Neuvermietung und schützt vor überhöhten Forderungen.

RegelGrenzeGrundlage
Mietpreisbremse bei Neuvermietunghöchstens 10 % über der Vergleichsmiete, nur in Gebieten mit Landesverordnung, mit Ausnahmen etwa für Neubauten§ 556d BGB
Mietpreisüberhöhungmehr als 20 % über dem üblichen Entgelt bei Ausnutzung eines geringen Angebots ist eine Ordnungswidrigkeit§ 5 WiStG
Mieterhöhung im laufenden Vertragbis zur Vergleichsmiete, innerhalb der Kappungsgrenze§ 558 BGB

Zieht Jens' Mieter aus und liegt die Wohnung in einem Gebiet mit Mietpreisbremse, darf Jens bei der Neuvermietung höchstens 10 % über der Vergleichsmiete verlangen, also 785,40 €, wenn keine Ausnahme greift. Die Ausnahmen und Auskunftspflichten erklärt das Glossar unter Mietpreisbremse.

07Was Käufer aus der Vergleichsmiete lesen

Wer eine vermietete Wohnung kaufen will, sollte die laufende Miete immer gegen den Mietspiegel halten. Die Differenz sagt viel über das Objekt.

Miete unter dem Mietspiegel
  • Es gibt Spielraum für Erhöhungen, begrenzt durch die Kappungsgrenze.
  • Das Risiko eines Mieterwechsels ist eher gering, weil die Wohnung günstig ist.
  • Die Rechnung des Verkäufers hängt nicht an künftigen Mieterhöhungen.
Miete auf oder über dem Mietspiegel
  • Auf absehbare Zeit sind keine Erhöhungen nach § 558 möglich.
  • Bei Neuvermietung kann die Mietpreisbremse eine niedrigere Miete erzwingen.
  • Eine Kalkulation, die mit steigender Miete rechnet, ist hier besonders kritisch zu prüfen.

Rechnen Sie Mietsteigerungen beim Kauf nie fest ein. Ein neuer Mietspiegel kann niedriger ausfallen, und jede Erhöhung braucht Zeit, Form und die Zustimmung des Mieters.

08Fehler und Risiken bei der Vergleichsmiete

Die meisten Erhöhungsverlangen scheitern an der Begründung. Diese Fehler sehen wir häufig.

Bleibt das Risiko, das kein Mietspiegel beseitigt. Eine Erhöhung kann zu einer Kündigung des Mieters führen, und ein Wechsel kostet je nach Markt Leerstand und Renovierung. Rechnen Sie den Mehrbetrag deshalb immer gegen diese Kosten.

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Quellen

Alle Quellen abgerufen am 13.10.2026.

FAQHäufige Fragen

Was ist die ortsübliche Vergleichsmiete?

Die übliche Miete für vergleichbare Wohnungen in der Gemeinde nach Art, Größe, Ausstattung, Beschaffenheit und Lage. Sie wird aus Mieten gebildet, die in den letzten sechs Jahren neu vereinbart oder geändert wurden (§ 558 Abs. 2 BGB).

Was ist ein qualifizierter Mietspiegel?

Ein Mietspiegel, der nach anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen erstellt und von der Gemeinde oder den Interessenverbänden anerkannt wurde. Er wird nach zwei Jahren angepasst und nach vier Jahren neu erstellt. Vor Gericht wird vermutet, dass seine Werte die Vergleichsmiete wiedergeben.

Was ist der Unterschied zwischen einfachem und qualifiziertem Mietspiegel?

Der qualifizierte Mietspiegel beruht auf wissenschaftlicher Methodik und hat vor Gericht eine Vermutungswirkung. Seine Angaben müssen im Erhöhungsverlangen immer genannt werden. Der einfache Mietspiegel ist nur ein Indiz und kann durch andere Belege ersetzt werden.

Wie ermittle ich die Vergleichsmiete ohne Mietspiegel?

Mit drei vergleichbaren Wohnungen, einem Gutachten eines öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen oder einer Mietdatenbank. Auch ein älterer Mietspiegel oder der einer vergleichbaren Gemeinde ist zulässig.

Darf ich den Oberwert der Mietspiegel-Spanne verlangen?

Formell genügt eine Miete innerhalb der Spanne. Durchsetzbar ist aber nur der Wert, der sich aus der Einordnung der Wohnung ergibt. Wer ohne Begründung den Oberwert verlangt, riskiert, im Streit nur einen Teil zu bekommen.

Wie oft wird der Mietspiegel aktualisiert?

Ein qualifizierter Mietspiegel muss nach zwei Jahren an den Markt angepasst und nach vier Jahren neu erstellt werden. Ein einfacher Mietspiegel soll alle zwei Jahre angepasst werden.

Ist die Vergleichsmiete dasselbe wie die Marktmiete?

Nein. Die Vergleichsmiete enthält auch Bestandsmieten der letzten sechs Jahre und liegt deshalb meist unter den Mieten, die bei Neuvermietungen in Inseraten verlangt werden.

Gilt die Vergleichsmiete auch bei Staffel- und Indexmiete?

Nein. Bei Staffel- und Indexmiete ist eine Erhöhung auf die Vergleichsmiete nach § 558 BGB ausgeschlossen. Bei einer Neuvermietung in einem Gebiet mit Mietpreisbremse ist sie aber Maßstab für die Ausgangsmiete.